Laufzeit im Weiterbetrieb – worauf es ankommt

veröffentlicht am 03.06.2016

Rente mit 20 oder Comeback im Alter? Zahlreiche Windkraftanlagen in Deutschland haben gewissermaßen ihren Lebensabend erreicht – im Jahre 2016 sind es mehr als 7.000, die kurz vor dem Ende ihrer Entwurfslebensdauer stehen. Natürlich hören die Anlagen nach 20 Jahren nicht einfach auf, sich zu drehen oder verweigern jeden weiteren Dienst. Ob Sie allerdings nach einer harten Dienstzeit direkt in den Ruhestand verabschiedet werden müssen oder noch rüstig genug sind, um weiterzuarbeiten und so vielleicht noch einen zweiten Frühling erleben, hängt von verschiedensten Faktoren ab. Fast ein wenig so, wie im wahren Leben.

Der Lebenslauf einer Windkraftanlage verrät viel

Wie die Chancen für den Weiterbetrieb von Windkraftanlagen nach 20 Jahren Laufzeit stehen, offenbart einerseits ein Blick in ihre Vergangenheit, andererseits auch der Anlagentyp selbst. Einige Hersteller haben nämlich Modelle hervorgebracht, die für ihr besonderes Durchhaltevermögen und ihre Robustheit bekannt sind – beispielsweise eine Tacke TW 600, die NTK 1500 64 des dänischen Herstellers Nordtank oder auch die E-32 aus dem Hause Enercon. Um welche Windenergieanlage es sich auch handelt: Vernachlässigt man die Wartung und Instandhaltung während der Laufzeit, sehen die Aussichten auf eine Laufzeitverlängerung nicht allzu vielversprechend aus. Dies gilt dann auch für Marathon-Typen unter den Anlagen. Auf der anderen Seite gibt es auch Modelle, die typen- oder konstruktionsbedingt nicht gerade zu den zuverlässigsten gehören und vielleicht noch nicht einmal die angesetzte Entwurfslebensdauer durchstehen. 

Was hat die Anlage hinter sich?

Die Belastungen, die während der Laufzeit auf eine Windkraftanlage wirken, sind extrem. Sie können jedoch unterschiedliche Auswirkungen auf die Lebensdauer haben. Ein Beispiel: An den Küstenstandorten in Deutschland sind die durchschnittlichen Windgeschwindigkeiten wesentlich höher, als im Landesinneren. Allerdings weht der starke Wind hier auch ebenso gleichmäßig horizontal. Dies erkennt man besonders gut an der vielerorts schrägen Wuchsform von Bäumen und Sträuchern, welche deshalb auch als „Windflüchter“ bezeichnet werden.

Schräg gewachsen durch stete Strömung: Windflüchter

Aufgrund dieser günstigen Strömungsverhältnisse sind auch die Turbulenzen deutlich geringer als an Standorten im Binnenland oder dort, wo Windenergieanlagen den Nachlaufströmungen weiterer Anlagen ausgesetzt sind. Die Ermüdungsbeanspruchung, die zum Beispiel auf Rotorblätter, Blattwurzel, Turm oder Lager wirkt, ist trotz höherer Windgeschwindigkeiten um einiges geringer. Die Landschaftsmerkmale im Binnenland, vor allem in hügeligen oder bergigen Regionen, sorgen indes für ungleichmäßigere, ständig wechselnde Belastungen durch Luftströmungen. So können sich bei betroffenen Bauteilen im Laufe der Zeit Risse bilden, die sich nach und nach vergrößern, sodass ein Bruch der Komponente immer wahrscheinlicher wird. Neben Verschleiß und Materialermüdung kommen unter anderem noch Extremlasten oder Korrosion als Faktoren hinzu, die einer Windkraftanlage – vor allem im fortgeschrittenen Alter – stark zusetzen können.

Mit verschiedenen Maßnahmen zur Anlagenoptimierung sowie gewissenhafter Wartung und Instandhaltung lassen sich die Spuren des Alters jedoch gut eindämmen. Reserven für den Weiterbetrieb stecken außerdem in geringen tatsächlichen Betriebszeiten und Energieerzeugungsmengen. Einer der wichtigsten Faktoren in der Frage nach dem Weiterbetrieb ist natürlich die Sicherheit. Betreiber tun sich also gut daran, durch eine Standsicherheitsprüfung den Nachweis zu erbringen, dass ihre Windkraftanlagen kein Risiko darstellen und weder Folge- noch Personenschäden zu erwarten sind. Gegebenenfalls kann dann erst unter gewissen Auflagen grünes Licht für die Laufzeitverlängerung gegeben werden.

Fazit: Auf die Anlage kommt es an. Ob zwei, fünf, zehn oder gar 20 Jahre Laufzeit im Weiterbetrieb noch möglich sind, lässt sich nicht pauschal sagen. Ein vorheriges Gutachten ist für eine Laufzeitverlängerung ohnehin Pflicht und der einzige Weg um zu ermitteln, ob nach der Entwurfslebensdauer wirklich Schluss mit der Energieproduktion ist. Doch selbst wenn: Nach so vielen Jahren harter Arbeit haben sie sich den Ruhestand redlich verdient – Windkraftanlagen sind eben auch nur Menschen.

Quelle : wind-turbine.com