Kleinwindanlagen auf alle Dächer – Bundesregierung plant 'Kleinwind-Offensive 2020'

veröffentlicht am 01.04.2018

Wie kaum ein anderer Ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger macht die frisch ernannte Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit Svenja Schulz von sich reden – und zwar mit Plänen für einen gigantischen Zubau an Kleinwindanlagen, der weltweit beispiellos ist. Die Schlüsselfunktion bei der sogenannten „Kleinwindoffensive 2020“ übernehmen dabei die Eigentümer der knapp 19 Millionen Eigenheime in Deutschland, auf deren Dächern künftig kleine Windräder sauberen Strom produzieren sollen. Doch es trifft längst nicht alle: Wer nämlich Teil des Kleinwind-Megaprojekts werden soll, entscheidet das Los.

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Bald auch auf Ihrem Hausdach? Mehr Kleinwindanlagen sollen CO2 einsparen und die Klimaziele greifbarer machen

"Zeit, auch mal etwas zurückzugeben"

Seit etwas mehr als zwei Wochen ist Svenja Schulze nun neue Bundesumweltministerin. An den Plänen der SPD-Politikerin zur Senkung des CO2-Ausstoßes und Erreichen der deutschen Klimaziele dürfte sie allerdings schon seit ihrer Zeit als Landesministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung in NRW gefeilt haben. Schulze zufolge werde im Kleinwindbereich deutlich zu wenig getan – und daran sei vor allem die Umweltpolitik der letzten Legislaturperioden schuld. „Photovoltaikanlagen auf dem Hausdach werden seit vielen Jahren in hohem Maße staatlich subventioniert. Kleinwindanlagen jedoch nicht, weil es dafür eben keine milliardenschwere Lobby gibt. Wo kommen wir denn da hin?“, konstatiert die Bundesumweltministerin.

Tatsächlich sind die Unterschiede der Fördersätze gemäß EEG 2017 je erzeugter Kilowattstunde Strom gewaltig. Gibt es bei Kleinwindanlagen aktuell gerade einmal 8,38 Ct/kWh vergütet der Staat den Solarstrom von Dachanlagen mit ganzen 12,3 Ct/kWh – fast 47 Prozent mehr. Svenja Schulzes Kleinwindoffensive 2020 sieht den massiven Ausbau von Kleinwindanlagen ab 2020 vor – und zwar auf den Dächern der Eigenheimbesitzern in der Bundesrepublik. Warum dafür keine anderen Flächen verwendet werden sollen, liege für Schulze auf der Hand: „Eigentum verpflichtet. Seit Jahren steigt der Wert von Häusern auf dem Immobilienmarkt und die Zinskonditionen sind mehr als attraktiv. Nun ist es für Hausbesitzer an der Zeit, auch mal etwas zurückzugeben. Da profitieren alle von“, erklärte die Bundesumweltministerin auf der Karsamstags-Pressekonferenz des BMU im Berliner Dienstsitz. Auch, wenn dies nicht freiwillig geschehe, müsse das Gemeinwohl des Volkes vor eigenen Befindlichkeiten stehen. "Ich nehme mich da auch selbst nicht von aus", so Schulze.  

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Nicht Svenja Schulz, sondern das Los soll entscheiden, wer bei der Kleinwindoffensive 2020 dabei ist. Foto: ©Gerd Seidel (Rob Irgendwer) - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29983731  

Doch noch sollen nicht alle der knapp 19 Millionen Eigenheime mit einer Kleinwindanlage auf dem Dach bestückt werden. „Ab 2020, so haben wir es in unserem Strategiepapier festgehalten, soll zunächst die Hälfte der Wohnhäuser in Deutschland mit einer Fünf-Kilowatt-Kleinwindenergieanlage ausgestattet werden. Wir sprechen hier also von rund 9,5 Millionen Dächern“, beschreibt Schulze das geplante Ausmaß der Aktion. Welche Eigentümer bald unverhofft zu Kleinwindmüllern würden, könne man nicht sagen. „Wir halten es für gerecht, dass nicht das Bundesumweltministerium darüber entscheidet, wer sich an der Kleinwindoffensive 2020 beteiligt, sondern das Losverfahren. Das wollen wir bis Mitte November dieses Jahres abgeschlossen haben “ Für Hausbesitzer könnte der Gang zum Briefkasten in den nächsten Wochen und Monaten also durchaus mit einer Überraschung verbunden sein.

Die Masse macht's

Auch rechnerisch ist Schulzes Kleinwindoffensive 2020 ein Mammutprojekt – diesen Eindruck macht zumindest das dazugehörige Strategiepapier. Ausgehend von 9,5 Millionen Immobilien, einer Nennleistung von 5 kW je Anlage und einer mittleren Jahres-Windgeschwindigkeit von 3,6 Metern pro Sekunde in 10 Metern Höhe ist mit einem Ertrag von 3.500 Kilowattstunden pro Jahr und Kleinwind zu rechnen. Das entspricht dem jährlichen Stromverbrauch eines Zwei-Personen-Haushalts. Und die Masse macht’s: Der Jahresertrag aller neuen Anlagen beläuft sich auf insgesamt 33,25 Terawattstunden Strom. Zum Vergleich: Der gesamte private Stromverbrauch in Deutschland beträgt 525 Terawattstunden. Sechs Prozent davon stammen dann künftig aus Kleinwindproduktion. Auch die Leistungskapazität kann sich sehen lassen: „Derzeit haben wir einen Ausbau von rund 50 Megawatt Leistung aus konventionellen Windenergieanlagen erreicht. Mit der Kleinwindoffensive 2020 kommen 47,5 Megawatt von den Dächern deutscher Eigenheimbesitzer hinzu – und darauf kann man doch stolz sein.“

Immobilieneigentümer laufen nach Bekanntgabe der Pläne bereits Sturm. In einer ersten Erklärung des Bundesverbandes der Immobilien- und Grundbesitzeigentümer Deutschlands (BIGD) mit Sitz in Pinneberg äußerte Verbandspräsident Helmut Jörgensen großen Unmut über die „Kleinwindoffensive 2020“: „Wer rechnet denn sowas aus? Eine Anlage kostet inklusive Einbau gut 25.000 Euro. Das sind fast 240 Milliarden Euro Gesamtkosten. Auch wenn es 33,25 Terawattstunden sind: Geht man von 25 Cent Strompreis aus, rechnet sich das für den Hausbesitzer erst nach etwa 28 Jahren. Wer soll das denn bezahlen?“ In der Tat gibt die Kostenfrage Immobilieneigentümern allen Anlass zum Aufschrei. Denn diese sollen laut Strategiepapier des Bundesumweltministerums die Hälfte der Kosten für die Kleinwindoffensive 2020 tragen.

Eigentümerverband: "Aberwitzige Taschenspielertricks"

Auf Nachfrage, ob diese Art der Finanzierung denn nicht ungerecht sei, äußerste sich Ministerin Svenja Schulze auf der Pressekonferenz wie gewohnt deutlich: „Noch einmal: Eigentum verpflichtet. Und die Hälfte der Kosten übernimmt doch der Bund. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau stellt für die andere Hälfte günstige Darlehen zur Verfügung. Für jeden einzelnen Hausbesitzer. Da kann man eigentlich nicht meckern“. Derlei Pläne seien für BIGD-Präsident Jörgensen „aberwitzige Taschenspielertricks“ und hätten mit sachgerechtem Klimaschutz nichts zu tun. „Das ist höchst unvernünftiger Aktionismus einer frisch ernannten Bundesumweltministerin, die sich anscheinend profilieren möchte. Als Immobilienbesitzer prangern wir das an.“, so das Schlusswort in der Erklärung des Verbands. 

Für die Proteste gegen die Kleinwindoffensive 2020 zeigte Bundesumweltministerin Schulze auf der Berliner Karsamstags-Pressekonferenz allerdings Verständnis, insbesondere in Bezug auf die Kosten: „237, 8 Milliarden Euro hören sich vielleicht erst mal teuer an. Aber ich finde, wir sollten hier nicht so viel in Euros und Cents rechnen. Viel wichtiger ist es, auf das CO2 zu schauen, das wir mit der Kleinwindoffensive 2020 Jahr für Jahr einsparen, nämlich über 6,5 Millionen Tonnen. So viel Treibhausgas stößt man im Kongo oder in Albanien jährlich aus.“ Umsetzen wolle man das Großprojekt bis 2025. Dann, so Schulze, könne man auch über die Aktivierung der andere Hälfte der Immobilienbesitzer nachdenken.