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Windprojekte unter Druck: TAVOA macht auf veraltete Bewertungsannahmen aufmerksam. Tilo Reimann, Geschäftsführer der TAVOA GmbH, identifiziert strukturelle Fehlentwicklung im Windenergiemarkt: Projektbewertungen basieren häufig auf Annahmen, die die wirtschaftliche Realität 2026 nicht mehr abbilden. Gestiegene Kosten, sinkende Zuschlagswerte und knappe Netzkapazitäten erfordern eine konsequente Neubewertung jeder Pipeline – nach Realisierungswahrscheinlichkeit statt Entwicklungsstand.
Bernd Weidmann im Gespräch mit Tilo Reimann, Geschäftsführer der TAVOA GmbH
Bernd Weidmann: Tilo, ihr habt im Februar einen Artikel veröffentlicht, der in der Branche einiges ausgelöst hat. Heute wollen wir tiefer gehen. Was treibt dich gerade um?
Tilo Reimann: Ehrlich gesagt: die Lücke zwischen dem, was Projektentwickler glauben zu wissen und dem, was der Markt ihnen gerade zurückspielt. Diese Lücke wird größer. Und sie entsteht nicht, weil die Leute schlecht arbeiten. Sie entsteht, weil die Werkzeuge, mit denen bewertet wird, der Realität hinterherhinken.
Bernd Weidmann: Wo genau siehst du diese Lücke?
Tilo Reimann: Am deutlichsten bei der Zeitachse. Ein Projekt, das vor zwei Jahren durchgerechnet wurde, ist heute ein anderes Projekt, auch wenn es dasselbe auf dem Papier ist. Der BWE hat das im Januar schwarz auf weiß bestätigt: Zwischen Zuschlag und Inbetriebnahme liegen durchschnittlich fast zwei Jahre. In dieser Zeit dreht sich das gesamte wirtschaftliche Umfeld. Zinsen, Komponentenpreise, Netzkapazitäten – alles bewegt sich. Wer das nicht einpreist, sitzt auf einem Zahlenwerk, das nie die heutige Wirklichkeit abgebildet hat.
Bernd Weidmann: Welche Zahlen belegen das?
Tilo Reimann: Die Deutschen WindGuard haben es gemessen: Stromgestehungskosten für Onshore-Wind sind zwischen 2021 und 2025 um fast 45 Prozent gestiegen. Gleichzeitig gehen die Zuschlagswerte in den Ausschreibungen nach unten, zuletzt auf 6,06 ct/kWh im November 2025. Wenn Experten jetzt von möglichen Werten unter 5,5 ct/kWh für 2026 sprechen, reden wir über einen Erlösrückgang von einem Viertel gegenüber 2024. Das ist keine Marktkorrektur – das ist eine strukturelle Verschiebung.
Bernd Weidmann: Was bedeutet das konkret für die Projektbewertung?
Tilo Reimann: Es bedeutet, dass die Kostenseite und die Erlösseite heute in völlig unterschiedlichen Welten leben. Kosten lassen sich noch kalkulieren: Anlage, Fundament, Netz, Pacht, Wartung. Das ist anspruchsvoll, aber machbar. Die Erlösseite dagegen ist zunehmend unberechenbar. Zuschlagswerte fallen, der Direktvermarktungsmarkt ist komplex, PPAs klingen attraktiv, aber ihre Konditionen hängen von so vielen Variablen ab, dass sie nur dann stabilisieren, wenn man sie von Anfang an in die Modellierung einbaut. Viele tun das zu spät.
Bernd Weidmann: Was sind die Parameter, auf die du heute besonders schaust?
Tilo Reimann: Drei Dinge. Erstens: Hat das Projekt einen gesicherten Netzanschluss mit verbindlichem Termin? Denn jede Verschiebung kostet nicht nur Zeit, sondern Liquidität und verändert den gesamten Ausschreibungsrahmen. Die dena hat 2025 klar belegt, dass der Netzzugang zum engsten Engpass der Energiewende wird. Und die aktuelle politische Debatte auf Bundesebene macht das nicht besser.
Zweitens: Wie ist die Betriebskostenstruktur aufgestellt? Rund 64 Prozent der Betriebskosten sind fix und müssen durch stabile Erlöse gedeckt sein. Wartungsverträge isoliert zu betrachten ist ein Fehler. Sie gehören zwingend in den Kontext der Vermarktungsstrategie.
Drittens: Gibt es ein Bürgerbeteiligungsmodell? Das klingt nach weichem Faktor, der aber ein harter Wirtschaftsfaktor ist. Projekte mit echter Bürgerbeteiligung laufen stabiler durch Genehmigungsverfahren und haben deutlich geringere Klagerisiken. Das schlägt sich direkt auf die Zeitachse nieder.
Bernd Weidmann: Was fragst du Projektentwickler, wenn sie zu euch kommen?
Tilo Reimann: Ich frage sie, welche ihrer Projekte sie selbst nachts beschäftigt. Das verrät mehr als jede Tabelle. Dahinter stecken fast immer dieselben ungelösten Fragen: Wann lohnt es sich noch, weiterzuinvestieren? Ab wann macht ein Partner mehr Sinn als Eigenentwicklung? Und wann ist der Moment gekommen, zu verkaufen – bevor der Markt entscheidet, nicht ich? Das sind keine bequemen Fragen. Aber sie sind die eigentliche Arbeit.
Bernd Weidmann: Wie hilft TAVOA dabei?
Tilo Reimann: Grundsätzlich beurteilen wir Projekte aus zwei Blickwinkeln gleichzeitig − als Entwickler und als Investor. In Bezug auf die Vermarktung einer Pipeline schauen wir konkret mit der Brille des Investors. Das ist der entscheidende Unterschied. Wir sortieren Hindernisse: Was ist technisch lösbar? Was hat eine regulatorische Zeitdimension? Was ist wirtschaftlich und erfordert eine Neubewertung der Prioritäten? Aus diesem Bild heraus entstehen konkrete Handlungsoptionen. Nicht als Druck, sondern als Orientierung. Denn wer unter Druck entscheidet, übersieht fast immer genau die Option, die am meisten wert gewesen wäre.
Bernd Weidmann: Du sprichst von agilem Denken. Was bedeutet das in der Praxis?
Tilo Reimann: Es bedeutet, eine Pipeline nicht wie ein Archiv zu verwalten, sondern wie ein lebendiges Portfolio zu steuern. Jedes Projekt hat einen Reifegrad, eine Realisierungswahrscheinlichkeit und eine wirtschaftliche Tragfähigkeit und alle drei verändern sich. Wer das regelmäßig überprüft, trifft bessere Entscheidungen. Wer wartet, bis der Markt ihn zwingt, verliert Optionen. Der BWE geht für 2026 von einem möglichen Zubau von 8 bis 8,5 GW aus, aber nur wenn die Realisierungsgeschwindigkeit hält. Der Engpass ist längst nicht mehr die Genehmigung. Er ist die Umsetzung.
Bernd Weidmann: Was rätst du abschließend jemandem, der gerade auf seiner Pipeline sitzt und nicht weiß, was er tun soll?
Tilo Reimann: Hör auf zu warten. Nicht im Sinne von: verkauf sofort alles. Sondern im Sinne von: verschaff dir Klarheit. Über den tatsächlichen Wert jedes einzelnen Projekts heute – nicht den, den es einmal hatte oder haben könnte. Über die Zeitachse. Über die Einnahmeseite. Und dann triff Entscheidungen auf dieser Grundlage, nicht auf der Grundlage von Hoffnung. Wir helfen dabei – als Sparringspartner, als Transaktionsbegleiter, oder einfach als jemand, der sachlich von außen draufschaut. Nicht weil man muss. Sondern weil Klarheit sich lohnt.
Bernd Weidmann: Tilo, danke für dieses ehrliche Gespräch.
Tilo Reimann: Gerne
März 2026 | Bernd Weidmann im Gespräch mit Tilo Reimann | TAVOA GmbH
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