Kryptonit für die Klimaziele - Das Problem mit der Braunkohle

veröffentlicht am 21.01.2016

Atomkraft, nein danke - erneuerbare Energien, kommt her? Man könnte meinen, Deutschland wäre in puncto Energiepolitik ein wahrer Superheld. Das stimmt sogar ein wenig, wenn man den schwächenden Effekt betrachtet, den die Kohle als Energieträger auf Bundeskanzlerin Merkel und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel ausübt. Kryptonit für Deutschlands Klimaziele.

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahre 2011 nach der Katastrophe von Fukushima der Atomkraft in Deutschland das Aus verkündete, lag der Gedanke nahe, dass von nun an erneuerbare Energien in der Energieversorgung die erste Geige spielen sollen. Tatsächlich gab es einen starken Zuwachs - vor allem im Bereich Windkraft. Betrug die installierte Leistung 2011 nämlich noch rund 29.000 Megawatt, lag diese zur Mitte des Jahres 2015 bei ca. 39.000 Megawatt - fast so viel, wie 2005 in ganz Europa installiert war. Wenn da nur nicht die Braunkohle wäre.

Braunkohle - Strom zu Dumpingpreisen

Während Deutschland mit dem Atomausstieg als eine der weltweit führenden Industrienationen einen großen Schritt wagte, dreht sich in künftigen Fragen der Energieerzeugung scheinbar noch immer alles um die liebe Kohle. Die Stromproduktion aus Braunkohle hat in Deutschland seit 1990 einen neuen Höhepunkt erreicht und ist mit drei Cent pro Kilowattstunde billig wie nie. Zudem ist die Bundesrepublik nach Daten des Statistischen Bundesamtes mit 17 % der Braunkohle-Weltförderung unangefochtener Spitzenreiter - noch vor China und Russland. 

Ein Exportschlager ist Braunkohle an sich jedoch trotzdem nicht, denn ihr relativ geringer Heizwert und der hohe Wassergehalt sorgen dafür, dass der fossile Rohstoff im weltweiten Handel nicht allzu begehrt ist. Dafür wird dieser jedoch hierzulande unter Inkaufnahme immenser Eingriffe in Landschaft und Natur abgebaut und anschließend im großen Stil verfeuert. Mehr als 40 Prozent des deutschen Energiemixes entfällt auf Braun- und Steinkohle. Willkommen im 21. Jahrhundert.     

CO2 und Quecksilber 

Angesichts des Engagements in der Braunkohle kann von wirklichem Klimaschutz keine Rede sein – liegt der Anteil des Energieträgers an den europaweiten Treibhausgasemissionen doch bei 13 Prozent. In Zahlen sind das 175 Millionen Tonnen CO2. Im Jahre 2010 waren es noch 11 Prozent. Und das, obwohl laut den Klimazielen der Bundesregierung der CO2-Ausstoß bis 2020 im Vergleich zum Referenzjahr 1990 um 40 % gesenkt werden soll. Klimaschutz und Braunkohle? Irgendwas stimmt gewaltig nicht. Und Kohlendioxid ist bei weitem nicht das einzige Problem, das unsere Kohlekraftwerke verursachen. Stichwort: Quecksilber. 

Quecksilber ist ein hochgiftiges Schwermetall, das bei der Stromproduktion aus Kohle anfällt. Mehr als zwei Drittel des Ausstoßes gehen allein auf das Konto der Kohlemeiler. Geradezu paradox erscheint es dann, wenn von Seiten der Betreiber E.ON, Vattenfall oder RWE von modernster Technik gesprochen wird, die bei der Verfeuerung von Braunkohle zum Einsatz kommt. Deutsche Kohlekraftwerke zählen nämlich nach wie vor zu den schmutzigsten in Europa. Würde man die in den USA gültigen Grenzwerte hierzulande anwenden, dürfte keines von ihnen mehr betrieben werden. Hinzu kommt außerdem, dass Deutschland seinen Energiehunger mit importierter Steinkohle aus Ländern stillt, in denen ihr Abbau katastrophale Auswirkungen auf die Bevölkerung und die Umwelt hat.  

Deutsche Kraftwerkstechnik für die Welt

Wenn man die Braunkohle wie erwähnt schon nicht beliebig exportieren kann, möchte man dem Rest der Welt zumindest die fortschrittlichsten Technologien nicht vorenthalten. Mithilfe von deutschen Steuergeldern. Wie hätte sich Griechenland im vergangenen Jahr etwa die Kraftwerkstechnik Made in Germany im Werte von 730 Millionen Euro leisten können, wenn nicht mit den attraktiven Konditionen der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau? Während also der Klimawandel gepredigt wird und CO2-Emissionen hierzulande gesenkt werden sollen, wird andernorts die Verstromung von Braunkohle noch gefördert, und das obwohl in Griechenland ganz andere Energieformen immense Potenziale bereithalten. 

Es ist nicht zuletzt die Kraft der Sonne, welche den griechischen Wein hervorbringt, den Udo Jürgens einst zu Lebzeiten besang. Für Sigmar Gabriel liegt die Logik jedoch vielmehr darin, jene beschworene „modernste Kohlekraftwerkstechnik“ dazu zu nutzen, die CO2-Emissionen in Griechenland zu senken. Mit den Bedingungen zur Solarenergie-Nutzung, die in Griechenland zu den besten in Europa zählen, wäre eine spürbare Senkung ohne weiteres möglich. Doch statt die Erneuerbaren zu stärken, bindet sich Griechenland für weitere Jahrzehnte an die Nutzung fossiler Brennstoffe und verbaut sich mithilfe der Bundesrepublik wertvolle Perspektiven in der klimaschonenden Energieerzeugung. Griechenland stellt außerdem keinen Einzelfall dar, den die KfW in derlei Projekten finanziell unterstützt. Wie der Kohlendioxidausstoß auf diese Weise weltweit gesenkt werden soll, ist fraglich.          

Problemlösungen müssen her

Apropos erneuerbare Energien: geradezu gebetsmühlenartig werden in jeder Diskussion zwei wesentliche, zum Gelingen der Energiewende entscheidende Faktoren wiederholt: Netzausbau und Lösungen zum Speichern von Überkapazitäten. Tatsächlich gibt es Tage, an denen zum Beispiel Windenergieanlagen abgeregelt werden müssen, da sie mehr Strom erzeugen als das deutsche Netz aufnehmen kann. Derweil muss auch der Offshore-Strom aus den Nordseewindparks irgendwie in den Süden der Bundesrepublik gelangen. 

Proteste zahlreicher Bürgerinitiativen gegen sogenannte Monstertrassen ließen nicht lange auf sich warten. Das Bundeskabinett beschloss im Oktober 2015 schließlich um der Akzeptanz in der Bevölkerung Willen und nicht zuletzt auch auf Druck der bayerischen Landesregierung, der unterirdischen Trassenführung beim Netzausbau Vorrang zu geben. Die Lösung des Stromtransports per Erdkabel ist zweifellos die kostenintensivste in der Netzausbaufrage, jedoch kann nach jahrelanger Diskussion nun endlich mit der Planung der Stromautobahnen „Südlink“ und „Südost-Passage“ begonnen werden.  

Alles noch zu teuer?

Was tut sich eigentlich im Bereich der dringend gebrauchten Stromspeicher? Überkapazitäten im Stromangebot lassen die Preise an den Strombörsen sinken und was nicht aufgenommen werden kann, wird exportiert. Laut dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie seien Pumpspeicher  hierzulande „derzeit die einzige in nennenswertem Umfang nutzbare Speichertechnik“ und Batteriespeicher „für einen großtechnischen Einsatz noch relativ teuer“. Auch die zur Gewinnung von Windgas geeigneten Power-to-Gas-Anlagen seien „noch teuer“, doch die Forschung und Entwicklung in puncto Energiespeicher, die für das BMWi ein „wichtiges Thema“ sei, stehe im Vordergrund. Tatsächlich kann man der Bundesregierung nicht vorwerfen, sie hätte kein Geld übrig, um die Entwicklung von Speicherlösungen voranzutreiben. 

So stellte sie im Rahmen der „Förderinitiative Energiespeicher“ in der ersten Phase von 2011 bis 2014 Finanzmittel in Höhe von 200 Millionen Euro bereit. Das Ziel liegt dabei vor allem darin, die notwendigen Kostensenkungspotenziale zu erreichen. So weit, so gut. Zum Vergleich: Die ab 2016 vorgesehene, schrittweise Abschaltung von acht antiquierten Braunkohlekraftwerken mit einer Gesamtleistung von 2,7 Gigawatt versüßt die Bundesregierung den Energieriesen RWE und Vattenfall sowie dem Braunkohleförderer und Kraftwerksbetreiber Mibrag mit ganzen 230 Millionen Euro. Jährlich, über einen Zeitraum von sieben Jahren, versteht sich. Darauf einigten sich die Konzerne im Oktober 2015 mit Wirtschaftsminister Gabriel. 

Braunkohle für alle Fälle

Allerdings verläuft dieser kleine Ausstieg aus der Kohle nicht so abrupt, wie man meinen mag. Die Kohlekraftwerke stehen nämlich jeweils für vier Jahre quasi auf Stand-by, damit sie bei eventuellen Versorgungsengpässen einspringen können. Im Oktober 2016 soll der erste Kraftwerksblock vorläufig vom Netz genommen werden, der letzte drei Jahre später. Demnach ist frühestens im Oktober 2023 der letzte dieser acht Kohlemeiler endgültig abgeschaltet. Der Mini-Ausstieg verringert die hiesige Braunkohleleistung um 13 %, doch kostet er den Bund und nicht zuletzt den Stromkunden insgesamt 1,6 Milliarden Euro. Dieses Geld wäre in der Forschung und Entwicklung dringend benötigter Speichertechnologien allemal besser angelegt als in einer Braunkohlereserve.

Ohne Speicherlösungen stehen die Chancen - gelinde gesagt - nicht allzu gut, wie geplant im Jahre 2035 bis zu 60 Prozent und bis 2050 sogar 80 Prozent des deutschen Strombedarfs aus erneuerbaren Energien zu decken. Es erweckt den Anschein, die Verantwortlichen würden der Wissenschaft nicht zutrauen, eine Lösung für das Speicherproblem zu finden. Wasser auf den Mühlen der Zweifler: Zu teuer, zu ineffizient, zu langwierig, schwer umsetzbar. Doch die Menschheit hat es in den 1960er Jahren geschafft, zum Mond zu fliegen und ist heute in der Lage, Ölfelder in bis zu 11.000 Metern Tiefe anzubohren. Wie kann angesichts dessen davon gesprochen werden, dass Speichertechnologien für die Erneuerbaren nur schwer zu erforschen seien?

Eine Energiewende ohne echten Klimaschutz macht keinen Sinn. Deutschlands Energiepolitik sollte alles daran setzen, die Kohle, an der sie wie an einer Droge hängt, so schnell wie möglich hinter sich zu lassen, wenn sie wirklich eine CO2-Reduktion anstrebt. Gleichzeitig kann die Bundesrepublik mit ihrem Handeln eine weltweite Vorbildfunktion einnehmen. Stattdessen jedoch exportiert Gabriel deutsche Kohlekraftwerkstechnik und entschädigt die Kraftwerksbetreiber hierzulande dafür, dass sie ihre ältesten, schmutzigsten und ineffizientesten Emissionsschleudern freundlicherweise bald vom Netz nehmen.

Das wäre in etwa damit vergleichbar, als würde man Sie für die Abmeldung Ihres vor sich hin rostenden, katalysatorlosen und 14 Liter Bleibenzin auf 100 Kilometer verbrennenden 1974er Opel Rekord finanziell belohnen. Nur, damit Sie ihn vor seiner endgültigen Verschrottung noch für ein paar Jahre in ihrer Garage als Mobilitätsreserve bereit halten. Für alle Fälle, wenn Sie Ihren Bus einmal verpassen sollten.


Quelle : wind-turbine.com